Märchen/Geschichten

Der Gärtner


Der Gärtner

Es war einmal ein Gärtner. Eines Tages nahm er seine Frau bei der Hand und sagte: "Komm, Frau, wir wollen einen Baum pflanzen." Die Frau antwortete: "Wenn Du meinst, mein lieber Mann, dann wollen wir einen Baum pflanzen. "Sie gingen in den Garten und pflanzten einen Baum.
Es dauerte nicht lange, da konnte man das erste Grün zart aus der Erde sprießen sehen. Der Baum, der eigentlich noch kein richtiger Baum war, erblickte zum ersten Mal die Sonne. Er fühlte die Wärme ihrer Strahlen auf seinen Blättchen und streckte sich ihnen hoch entgegen. Er begrüßte sie auf seine Weise, ließ sich glücklich bescheinen und fand es wunderschön, auf der Welt zu sein und zu wachsen. "Schau", sagte der Gärtner zu seiner Frau, "ist er nicht niedlich, unser Baum?" Und seine Frau antwortete: "Ja, lieber Mann, wie du schon sagtest: Ein schöner Baum!" Der Baum begann größer und höher zu wachsen und reckte sich immer weiter der Sonne entgegen. Er fühlte den Wind und spürte den Regen, genoß die warme und feste Erde um seine Wurzeln und war glücklich. Und jedes Mal, wenn der Gärtner und seine Frau nach ihm sahen, ihn mit Wasser tränkten und ihn einen schönen Baum nannten, fühlte er sich wohl. Denn da war jemand, der ihn mochte, ihn hegte, pflegte und beschützte. Er wurde lieb gehabt und war nicht allein auf der Welt.
So wuchs er zufrieden vor sich hin und wollte nichts weiter als leben und wachsen, Wind und Regen spüren, Erde und Sonne fühlen, lieb gehabt werden und andere lieb haben.
Eines Tages merkte der Baum, daß es besonders schön war, ein wenig mehr nach links zu wachsen, denn von dort schien die Sonne mehr auf seine Blätter. Also wuchs er jetzt ein wenig nach links. "Schau", sagte der Gärtner zu seiner Frau, "unser Baum wächst schief. Seit wann dürfen Bäume denn schief wachsen, und dazu noch in unserem Garten? Ausgerechnet unser Baum. Gott hat die Bäume nicht geschaffen, damit sie schief wachsen, nicht wahr Frau?" Seine Frau gab ihm natürlich recht. "Du bist eine kluge und gottesfürchtige Frau", meinte daraufhin der Gärtner. "Hol also unsere Schere, denn wir wollen den Baum gerade schneiden."
Der Baum weinte. Die Menschen, die ihn bisher so lieb gepflegt hatten, denen er vertraute, schnitten ihm die Äste ab, die der Sonne am nächsten waren. Er konnte nicht sprechen und deshalb nicht fragen. Er konnte nicht begreifen. Aber sie sagten ja, daß sie ihn lieb hätten und es gut mit ihm meinten. Und sie sagten, daß ein richtiger Baum gerade wachsen müsse. Und Gott es nicht gern sähe, wenn er schief wachse. Also mußte es wohl stimmen. Er wuchs nicht mehr der Sonne entgegen.
"Ist er nicht brav, unser Baum?" fragte der Gärtner seine Frau. "Sicher, lieber Mann!", antwortete sie, "du hast wie immer recht. Unser Baum ist ein braver Baum." Der Baum begann zu verstehen. Wenn er machte, was ihm Spaß und Freude bereitete, dann war er anscheinend ein böser Baum. Er war nur lieb und brav, wenn er tat, was der Gärtner und seine Frau von ihm erwarteten. Also wuchs er jetzt strebsam in die Höhe und gab darauf acht, nicht mehr schief zu wachsen. "Sie dir das an", sagte der Gärtner eines Tages zu seiner Frau, "unser Baum wächst unverschämt schnell in die Höhe. Gehört sich das für einen rechten Baum?" Seine Frau antwortete: "Aber nein, lieber Mann, das gehört sich natürlich nicht. Gott will, daß Bäume langsam und in Ruhe wachsen. Und auch unser Nachbar meint, daß Bäume bescheiden sein müßten, ihrer wachse auch schön langsam." Der Gärtner lobte seine Frau und sagte, daß sie etwas von Bäumen verstehe. Und dann schickte er sie die Schere holen, um dem Baum die Äste zu stutzen.
Sehr lange weinte der Baum in dieser Nacht. Warum schnitt man ihm einfach die Äste ab, die dem Gärtner und seiner Frau nicht gefielen? Und wer war dieser Gott, der angeblich gegen alles war, was Spaß machte? "Schau her, Frau", sagte der Gärtner, "wir können stolz sein auf unseren Baum." Und seine Frau gab ihm wie immer recht. Der Baum wurde trotzig. Nun gut, wenn nicht in die Höhe, dann eben in die Breite. Sie würden ja schon sehen, wohin sie damit kommen.
Schließlich wollte er nur wachsen, Sonne Wind und Erde fühlen, Freude haben und Freude bereiten. In seinem Innern spürte er ganz genau, daß es richtig war, zu wachsen. Also wuchs er jetzt in die Breite.
"Das ist doch nicht zu fassen." Der Gärtner holte empört die Schere und sagte zu seiner Frau: "Stell dir vor, unser Baum wächst einfach in die Breite. Das könnte ihm so passen. Das scheint ihm ja geradezu Spaß zu machen. So etwas können wir auf keinen Fall dulden!" Und seine Frau pflichtete ihm bei: "Das können wir nicht zulassen. Dann müssten wir ihn eben wieder zurecht stutzen."
Der Baum konnte nicht mehr weinen, er hatte keine Tränen mehr. Er hörte auf zu wachsen. Ihm machte das Leben keine rechte Freude mehr. Immerhin, er schien nun dem Gärtner und seiner Frau zu gefallen. Wenn auch alles keine rechte Freude mehr bereitete, so wurde er nun wenigstens lieb gehabt. So dachte der Baum. Viele Jahre später kam ein kleines Mädchen mit seinem Vater an dem Baum vorbei. Er war inzwischen erwachsen geworden, der Gärtner und seine Frau waren stolz auf ihn. Er war ein rechter und anständiger Baum geworden.
Das kleine Mädchen blieb vor ihm stehen. "Papa, findest du nicht auch, daß der Baum hier ein bißchen traurig aussieht?" fragte es. "Ich weiß nicht", sagte der Vater. "Als ich so klein war wie du, konnte ich auch sehen, ob ein Baum fröhlich oder traurig ist. Aber heute sehe ich das nicht mehr." "Der Baum sieht wirklich ganz traurig aus." Das kleine Mädchen sah den Baum mitfühlend an. "Den hat bestimmt niemand richtig lieb. Schau mal, wie ordentlich der gewachsen ist. Ich glaube, der wollte mal ganz anders wachsen, durfte aber nicht. Und deshalb ist er jetzt traurig." "Vielleicht", antwortete der Vater versonnen. "Aber wer kann schon wachsen wie er will?" "Warum denn nicht?" fragte das kleine Mädchen. "Wenn jemand den Baum wirklich lieb hat, kann er ihn auch wachsen lassen, wie er selber will. Oder nicht? Er tut doch niemandem etwas zuleide."
Erstaunt und schließlich erschrocken blickte der Vater sein Kind an. Dann sagte er: "Weißt du, keiner darf so wachsen wie er will, weil sonst die anderen merken würden, daß auch sie nicht so gewachsen sind, wie sie eigentlich mal wollten." "Das verstehe ich nicht, Papa!" "Sicher, Kind, das kannst du noch nicht verstehen. Auch du bist vielleicht nicht immer so gewachsen, wie du gerne wolltest. Auch du durftest nicht." "Aber warum denn nicht, Papa? Du hast mich doch lieb und Mama hat mich auch lieb, nicht wahr?" Der Vater sah sie eine Weile nachdenklich an. "Ja", sagte er dann, "sicher haben wir dich lieb."
Sie gingen langsam weiter und das kleine Mädchen dachte noch lange über dieses Gespräch und den traurigen Baum nach. Der Baum hatte den beiden aufmerksam zugehört, und auch er dachte lange nach. Er blickte ihnen noch hinterher, als er sie eigentlich schon lange nicht mehr sehen konnte. Dann begriff der Baum. Und er begann hemmungslos zu weinen. In dieser Nacht war das kleine Mädchen sehr unruhig. Immer wieder dachte es an den traurigen Baum und schlief schließlich erst ein, als der Morgen zu dämmern begann. Natürlich verschleif das Mädchen an diesem Morgen. Als es endlich aufgestanden war, wirkte sein Gesicht blaß und stumpf. "Hast du etwas Schlimmes geträumt?" fragte der Vater. Das Mädchen schwieg, schüttelte dann den Kopf. Auch die Mutter war besorgt: "was ist mit dir?" Und da brach doch schließlich all der Kummer aus dem Mädchen. Von Tränen überströmt stammelte es: "Der Baum! Er ist so schrecklich traurig! Darüber bin ich so traurig. Ich kann das alles einfach nicht verstehen." Der Vater nahm die Kleine behutsam in seine Arme, ließ sie in Ruhe ausweinen und streichelte sie nur liebevoll. Dabei wurde ihr Schluchzen nach und nach leiser und die Traurigkeit verlor sich allmählich.
Plötzlich leuchteten die Augen des Mädchens auf, und ohne das die Eltern etwas begriffen, war es aus dem Haus gerannt. Wenn ich traurig bin und es vergeht, sobald mich jemand streichelt und in die Arme nimmt, geht es dem Baum vielleicht ähnlich - so dachte das Mädchen. Und als es ein wenig atemlos vor dem Baum stand, wußte es auf einmal, was zu tun war. Scheu blickte die Kleine um sich. Als sie niemanden in der Nähe entdeckte, strich sie zärtlich mit den Händen über die Rinde des Baumes. Leise flüsterte sie dabei: "Ich mag dich, Baum. Ich halte zu dir. Gib nicht auf, mein Baum!" Nach einer Weile rannte sie wieder los, weil sie ja zur Schule mußte. Es machte ihr nichts aus, daß sie zu spät kam, denn sie hatte ein Geheimnis und eine Hoffnung.
Der Baum hatte zuerst gar nicht bemerkt, daß ihn jemand berührte. Er konnte nicht glauben, daß das Streicheln und die Worte ihm galten - und auf einmal war er ganz verblüfft, und es wurde sehr still in ihm. Als das Mädchen wieder fort war, wußte er zuerst nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Dann schüttelte er seine Krone leicht im Wind, vielleicht ein bißchen zu heftig, und er sagte zu sich, daß er wohl geträumt haben müsse. Oder vielleicht doch nicht? In einem kleinen Winkel seines Baumherzens hoffte er, daß es kein Traum gewesen war.
Auf dem Heimweg von der Schule war das Mädchen nicht allein. Trotzdem ging es dicht an dem Baum vorbei, streichelte ihn im Vorbeigehen und sagte leis: "Ich mag dich und ich komme bald wieder." Da begann der Baum zu glauben, daß er nicht träumte, und ein ganz neues, etwas seltsames Gefühl regte sich in einem kleinen Ast. Die Mutter wunderte sich, daß ihre Tochter auf einmal so gerne einkaufen ging. Auf alle Fragen der Eltern lächelte die Kleine nur und behielt ihr Geheimnis für sich. Immer wieder sprach das Mädchen nun mit dem Baum, umarmte ihn manchmal, streichelte ihn oft. Er verhielt sich still, rührte sich nicht. Aber in seinem Inneren begann sich etwas stärker zu regen. Wer ihn genauer betrachtete, konnte sehen, daß seine Rinde ganz langsam eine freundlichere Farbe bekam. Das Mädchen jedenfalls bemerkte es und freute sich sehr.
Der Gärtner und seine Frau, die den Baum ja vor vielen Jahren gepflanzt hatten, lebten regelmäßig und ordentlich, aber auch freudlos und stumpf vor sich hin. Sie wurden älter, zogen sich zurück und waren oft einsam. Den Baum hatten sie so nach und nach vergessen, ebenso wie sie vergessen hatten, was Lachen und Freude ist - und Leben. Eines Tages bemerkten sie, daß manchmal ein kleines Mädchen mit dem Baum zu reden schien. Zuerst hielten sie es einfach für eine Kinderei, aber mit der Zeit wurden sie doch etwas neugierig. Schließlich nahmen sie sich vor, bei Gelegenheit einfach zu fragen, was das denn soll. Und so geschah es dann auch.
Das Mädchen erschrak, wußte auch nicht so recht, wie es sich verhalten sollte. Einfach so davonlaufen wollte es nicht, aber erzählen, was wirklich war - das traute es sich nicht. Endlich gab sich die Kleine einen Ruck, dachte: "Warum eigentlich nicht?" und erzählte die Wahrheit. Der Gärtner und seine Frau mußten ein wenig lachen, waren aber auf eine seltsame Weise unsicher, ohne zu wissen, warum. Ganz schnell gingen sie wieder ins Haus und versicherten sich gegenseitig, daß das kleine Mädchen wohl ein wenig verrückt sein müsse. Aber die Geschichte ließ sie nicht mehr los.
Ein paar Tage später waren sie zufällig in der Nähe des Baumes, als das Mädchen wiederkam. Dieses Mal fragte es die Gärtnersleute, warum sie denn den Baum so zurechtgestutzt haben. Zuerst waren sie empört, konnten aber nicht leugnen, daß der Baum in den letzten Wochen ein freundlicheres Aussehen bekommen hatte. Sie wurden sehr nachdenklich. Die Frau des Gärtners fragte schließlich: "Meinst du, daß es falsch war, was wir getan haben?" "Ich weiß nur", antwortete das Mädchen, "daß der Baum traurig ist. Und ich finde, daß das nicht sein muß. Oder wollt ihr einen traurigen Baum?" "Nein!" rief der Gärtner "Natürlich nicht. Doch was bisher gut und recht war, ist ja auch heute noch richtig, auch für diesen Baum." Und die Gärtnerin fügte hinzu: "Wir haben es doch nur gut gemeint." "Ja, das glaube ich", sagte das Mädchen, "ihr habt es sicher gut gemeint und dabei den Baum sehr traurig gemacht. Schaut ihn doch einmal genau an!" Und dann ließ sie die beiden alten Leute allein und ging ruhig davon mit dem sicheren Gefühl, daß nicht nur der Baum Liebe brauchen würde.
Der Gärtner und seine Frau dachten noch sehr lange über dieses seltsame Mädchen und das Gespräch nach. Immer wieder blickten sie verstohlen zu dem Baum, standen oft vor ihm, um ihn genau zu betrachten. Und eines Tages sahen sie auch, daß der Baum zu oft beschnitten worden war. Sie hatten zwar nicht den Mut, ihn auch zu streicheln und mit ihm zu reden. Aber sie beschlossen, ihn wachsen zu lassen, wie er wollte.
Das Mädchen und die beiden alten Leute sprachen oft miteinander - über dies oder das und manchmal über den Baum. Gemeinsam erlebten sie, wie er ganz behutsam, zuerst ängstlich und zaghaft, dann ein wenig übermütig und schließlich kraftvoll zu wachsen begann. Voller Lebensfreude wuchs er schief nach unten, als wolle er zuerst einmal seine Glieder räkeln und strecken. Dann wuchs er in die Breite, als wolle er die ganze Welt in seine Arme schließen, und in die Höhe, um allen zu zeigen, wie glücklich er sich fühlt. Auch wenn der Gärtner und seine Frau es sich selbst nicht trauten, so sahen sie doch mit stiller Freude, daß das Mädchen den Baum für alles lobte, was sich an ihm entfalten und wachsen wollte. Voll Freude beobachtete das Mädchen, daß es dem Gärtner und seiner Frau beinahe so ähnlich erging wie dem Baum. Sie wirkten lebendiger und jünger, fanden das Lachen und die Freude wieder und stellten eines Tages fest, daß sie wohl manches im Leben falsch gemacht hatten. Auch wenn das jetzt nicht mehr zu ändern wäre, so wollten sie wenigstens den Rest ihres Lebens anders gestalten. Sie sagten auch, daß sie Gott wohl ein wenig falsch verstanden hätten, denn Gott sei schließlich Leben, Liebe und Freude und kein Gefängnis.
So blühten gemeinsam mit dem Baum zwei alte Menschen zu neuem Leben auf. Es gab keinen Garten weit und breit, in welchem ein solch schief und fröhlich gewachsener Baum stand. Oft wurde er jetzt von Vorübergehenden bewundert, was der Gärtner, seine Frau und das Mädchen mit stillem, vergnügtem Lächeln beobachteten. Am meisten freute sie, daß der Baum all denen Mut zum Leben machte, die ihn wahrnahmen und bewunderten. Diesen Menschen blickte der Baum noch lange nach - oft bis er sie gar nicht mehr sehen konnte. Und manchmal begann er dann, so daß es sogar einige Menschen spüren konnten, tief in seinem Herzen glücklich zu lachen.

aus:
DIE FARBEN DER WIRKLICHKEIT,
von Heinz Körner, erschienen im Lucy Körner Verlag, 7012 Fellbach.
ISBN: 3-922028-07-1

Die Liebe

Die Liebe

Vor langer, langer Zeit existierte eine Insel, auf der alle Gefühle der Menschen lebten: die gute Laune, die Traurigkeit, das Wissen … und so wie alle anderen Gefühle, auch die Liebe.
Eines Tages wurde den Gefühlen mitgeteilt, dass die Insel sinken würde. Also bereiteten alle ihre Schiffe vor und verließen die Insel. Nur die Liebe wollte bis zum letzten Moment warten. Bevor die Insel sank, bat die Liebe um Hilfe:
Der Reichtum fuhr auf einem luxuriösen Schiff an der Liebe vorbei. Sie fragte: "Reichtum, kannst du mich mitnehmen?" "Nein, ich kann nicht. Auf meinem Schiff habe ich viel Gold und Silber. Da ist kein Platz für dich."
Also fragte die Liebe den Stolz, der auf einem wunderbaren Schiff vorbeikam: "Stolz, ich bitte dich, kannst du mich mitnehmen?" "Liebe, ich kann dich nicht mitnehmen..." antwortete der Stolz, "hier ist alles perfekt. Du könntest mein Schiff beschädigen."
Also fragte die Liebe die Traurigkeit, die an ihr vorbei ging: "Traurigkeit, bitte, nimm mich mit" "Oh Liebe", sagte die Traurigkeit, "ich bin so traurig, dass ich alleine bleiben muss."
Auch die gute Laune ging an der Liebe vorbei, aber sie war so zufrieden, dass sie nicht hörte, dass die Liebe sie rief.
Plötzlich sagte eine Stimme: " komm Liebe, ich nehme dich mit " Es war ein Alter, der sprach. Die Liebe war so dankbar und so glücklich, dass sie vergaß den Alten nach seinem Namen zu fragen. Als sie an Land kamen, ging der Alte fort.
Die Liebe bemerkte, dass sie ihm viel schuldete und fragte das Wissen: "Wissen, kannst du mir sagen, wer mir geholfen hat?" "Es war die Zeit" antwortete das Wissen. "Die Zeit ?"fragte die Liebe, "Warum hat die Zeit mir geholfen?" Und das Wissen antwortete: "Weil nur die Zeit versteht, wie wichtig die Liebe im Leben ist."

Verfasser mir unbekannt

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

Es war entsetzlich kalt; es schneite, und der Abend dunkelte bereits; es war der letzte Abend im Jahre, Silvesterabend. In dieser Kälte und in dieser Finsternis ging auf der Straße ein kleines armes Mädchen mit bloßen Kopfe und nackten Füßen. Es hatte wohl freilich Pantoffel angehabt, als es von Hause fortging, aber was konnte das helfen! Es waren sehr große Pantoffeln, sie waren früher von seiner Mutter gebraucht worden, so groß waren sie, und diese hatte die Kleine verloren, als sie über die Straße eilte, während zwei Wagen in rasender Eile vorüberjagten; der eine Pantoffel war nicht wiederaufzufinden und mit dem anderen machte sich ein Knabe aus dem Staube, welcher versprach, ihn als Wiege zu benutzen, wenn er einmal Kinder bekäme.
Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten zärtlichen Füßchen, die vor Kälte ganz rot und blau waren. In ihrer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzer und ein Bund hielt sie in der Hand. Während des ganzen Tages hatte ihr niemand etwas abgekauft, niemand ein Almosen gereicht. Hungrig und frostig schleppte sich die arme Kleine weiter und sah schon ganz verzagt und eingeschüchtert aus. Die Schneeflocken fielen auf ihr langes blondes Haar, das schön gelockt über ihren Nacken hinabfloss, aber bei diesem Schmucke weilten ihre Gedanken wahrlich nicht. Aus allen Fenstern strahlte heller Lichterglanz und über alle Straßen verbreitete sich der Geruch von köstlichem Gänsebraten. Es war ja Silvesterabend, und dieser Gedanke erfüllte alle Sinne des kleinen Mädchens.
In einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine etwas weiter in die Straße vorsprang als das andere, kauerte es sich nieder. Seine kleinen Beinchen hatte es unter sich gezogen, aber es fror nur noch mehr und wagte es trotzdem nicht, nach Hause zu gehen, da es noch kein Schächtelchen mit Streichhölzern verkauft, noch keinen Heller erhalten hatte. Es hätte gewiss vom Vater Schläge bekommen, und kalt war es zu Hause ja auch; sie hatten das bloße Dach gerade über sich, und der Wind pfiff schneidend hinein, obgleich Stroh und Lumpen in die größten Ritzen gestopft waren. Ach, wie gut musste ein Schwefelhölzchen tun! Wenn es nur wagen dürfte, eins aus dem Schächtelchen herauszunehmen, es gegen die Wand zu streichen und die Finger daran zu wärmen! Endlich zog das Kind eins heraus. Ritsch! wie sprühte es, wie brannte es. Das Schwefelholz strahlte eine warme helle Flamme aus, wie ein kleines Licht, als es das Händchen um dasselbe hielt. Es war ein merkwürdiges Licht; es kam dem kleinen Mädchen vor, als säße es vor einem großen eisernen Ofen mit Messingbeschlägen und Messingverzierungen; das Feuer brannte so schön und wärmte so wohltuend! Die kleine streckte schon die Füße aus, um auch diese zu wärmen - da erlosch die Flamme. Der Ofen verschwand - sie saß mit einem Stümpchen des ausgebrannten Schwefelholzes in der Hand da.
Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und an der Stelle der Mauer, auf welche der Schein fiel, wurde sie durchsichtig wie ein Flor. Die Kleine sah gerade in die Stube hinein, wo der Tisch mit einem blendend weißen Tischtuch und feinem Porzellan gedeckt stand, und köstlich dampfte die mit Pflaumen und Äpfeln gefüllte, gebratene Gans darauf. Und was noch herrlicher war, die Gans sprang aus der Schüssel und watschelte mit Gabel und Messer im Rücken über den Fußboden hin; gerade die Richtung auf das arme Mädchen schlug sie ein. Da erlosch das Schwefelholz, und nur die dicke kalte Mauer war zu sehen.
Sie zündete ein neues an. Da saß die Kleine unter dem herrlichsten Weihnachtsbaum; er war noch größer und weit reicher ausgeputzt als der, den sie am Heiligabend bei dem reichen Kaufmann durch die Glastür gesehen hatte. Tausende von Lichtern brannten auf den grünen Zweigen, und bunte Bilder, wie die, welche in den Ladenfenstern ausgestellt werden, schauten auf sie hernieder, die Kleine streckte beide Hände nach ihnen in die Höhe - da erlosch das Schwefelholz. Die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und höher, und sie sah jetzt erst, dass es die hellen Sterne waren. Einer von ihnen fiel herab und zog einen langen Feuerstreifen über den Himmel.
"Jetzt stirbt jemand!" sagte die Kleine, denn die alte Großmutter, die sie allein freundlich behandelt hatte, jetzt aber längst tot war, hatte gesagt: "Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott empor!" Sie strich wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer; es warf einen weiten Lichtschein ringsumher, und im Glanze desselben stand die alte Großmutter hell beleuchtet mild und freundlich da.
"Großmutter!" rief die Kleine, "oh, nimm mich mit dir! Ich weiß, dass du verschwindest, sobald das Schwefelholz ausgeht, verschwindest, wie der warme Kachelofen, der köstliche Gänsebraten und der große flimmernde Weihnachtsbaum!" Schnell strich sie den ganzen Rest der Schwefelhölzer an, die sich noch im Schächtelchen befanden, sie wollte die Großmutter festhalten; und die Schwefelhölzer verbreiteten einen solchen Glanz, dass es heller war als am lichten Tag. So schön, so groß war die Großmutter nie gewesen; sie nahm das kleine Mädchen auf ihren Arm, und hoch schwebten sie empor in Glanz und Freude; Kälte, Hunger und Angst wichen von ihm - sie war bei Gott.
Aber im Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen, mit Lächeln um den Mund - tot, erfroren am letzten Tage des alten Jahres. Der Morgen des neuen Jahres ging über der kleinen Leiche auf, die mit den Schwefelhölzern, wovon fast ein Schächtelchen verbrannt war, dasaß. "Sie hat sich wärmen wollen!" sagte man. Niemand wusste, was sie schönes gesehen hatte, in welchem Glanze sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war.

Hans Christian Andersen

Zwei Engel

Zwei Engel

Zwei reisende Engel machten Halt, um die Nacht im Hause einer wohlhabenden Familie zu verbringen. Die Familie war unhöflich und verweigerte den Engeln, im Gästezimmer des Haupthauses auszuruhen. Anstelle dessen bekamen sie einen kleinen Platz im kalten Keller. Als sie sich auf dem harten Boden ausstreckten, sah der ältere Engel ein Loch in der Wand und reparierte es. Als der jüngere Engel fragte, warum, antwortete der ältere Engel:
"Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen."
In der nächsten Nacht rasteten die beiden im Haus eines sehr armen, aber gastfreundlichen Bauern und seiner Frau. Nachdem sie das wenige Essen, das sie hatten, mit ihnen geteilt hatten, ließen sie die Engel in ihrem Bett schlafen, wo sie gut schliefen. Als die Sonne am nächsten Tag den Himmel erklomm, fanden die Engel den Bauern und seine Frau in Tränen. Ihre einzige Kuh, deren Milch ihr alleiniges Einkommen gewesen war, lag tot auf dem Feld.
Der jüngere Engel wurde wütend und fragte den älteren Engel, wie er das habe geschehen lassen können? "Der erste Mann hatte alles, trotzdem halfst du ihm", meinte er anklagend. "Die zweite Familie hatte wenig, und du ließest die Kuh sterben."
"Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen", sagte der ältere Engel. "Als wir im kalten Keller des Haupthauses ruhten, bemerkte ich, dass Gold in diesem Loch in der Wand steckte. Weil der Eigentümer so von Gier besessen war und sein glückliches Schicksal nicht teilen wollte, versiegelte ich die Wand, sodass er es nicht finden konnte. Als wir dann in der letzten Nacht im Bett des Bauern schliefen, kam der Engel des Todes, um seine Frau zu holen. Ich gab ihm die Kuh anstatt dessen. "Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen." Manchmal ist das genau das, was passiert, wenn die Dinge sich nicht als das entpuppen, was sie sollten. Wenn du Vertrauen hast, musst du dich bloß darauf verlassen, daß jedes Ergebnis zu deinem Vorteil ist. Du magst es nicht bemerken, bevor ein bisschen Zeit vergangen ist ...

Verfasser unbekannt

Die drei Siebe

Die drei Siebe

Eines Tages kam ein Bekannter zum griechischen Philosophen Sokrates gelaufen. "Höre, Sokrates, ich muss dir berichten, wie dein Freund...."
"Halt ein" unterbrach ihn der Philosoph.
"Hast du das, was du mir sagen willst, durch drei Siebe gesiebt?"
"Drei Siebe? Welche?" fragte der andere verwundert.
"Ja! Drei Siebe! Das erste ist das Sieb der Wahrheit. Hast du das, was du mir berichten willst, geprüft ob es auch wahr ist?"
"Nein, ich hörte es erzählen, und..."
"Nun, so hast du sicher mit dem zweiten Sieb, dem Sieb der Güte, geprüft. Ist das, was du mir erzählen willst - wenn es schon nicht wahr ist - wenigstens gut?" Der andere zögerte. "Nein, das ist es eigentlich nicht. Im Gegenteil....."
"Nun", unterbrach ihn Sokrates. "So wollen wir noch das dritte Sieb nehmen und uns fragen ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so zu erregen scheint."
"Notwendig gerade nicht...."
"Also", lächelte der Weise, "wenn das, was du mir eben sagen wolltest, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste weder dich noch mich damit."

Verfasser mir unbekannt

Vier Kerzen

In einem dunklen Raum stehen vier Kerzen. Ein Kind betritt den Raum, zündet die vier Kerzen der Reihe nach an und erfreut sich an ihrem Glanz.
Die vier Kerzen brennen ein Weile, da fängt die erste an zu flackern und spricht:
"Mein Name ist Ehre, die Menschen haben all ihre Ehre verloren" und erlischt.
Nach kurzer Zeit fängt die zweite Kerze an zu flackern und sagt: "Ich heiße Glaube, die Menschen haben keinen Glauben mehr", und auch sie verliert ihr Licht.
Nun beginnt auch die dritte zu flackern und spricht: "Mein Name ist Frieden. Frieden gibt es heute nicht mehr" Und geht aus.
Das kleine Kind fängt an zu weinen und ruft: "Aber ihr seid doch Kerzen und ihr sollt doch brennen!"
Da spricht aus der Stille des Raumes die vierte Kerze: "Ich heiße Hoffnung, solange ich noch brenne, kannst Du mit meinem Licht die anderen Kerzen wieder anzünden."
Mit der vierten Kerze zündet das Kind die anderen drei Kerzen wieder an und verlässt den Raum.

Der Drache des Schrecken


Der Drache des Schrecken

aus: "Die Mondsteinmärchen" von Roland Kübler
ISBN: 3-926789-02-6

Das Land war grau geworden. Düster und schwer drückten die Wolken auf die einst fruchtbare Erde. Die Menschen huschten, in Trauerkleider gehüllt, wie gesichtslose Schatten durch die meist ausgestorbenen Strassen. Fest verschlossen waren die Stadttore. Fremde, die um Einlass und Quartier baten, erhielten keine Antwort.
Das war nicht immer so gewesen. Einst blühten in dieser Stadt Handel und Kunst. Die Menschen hatten glücklich gelacht und sich auf jeden neuen Morgen gefreut. Die Stadttore waren auch nachts weit geöffnet gewesen, und der Schlüssel der Stadt hatte seinen Platz an einem großen Stein mitten auf dem Marktplatz gehabt. Jeder hätte ihn sich nehmen können. So war es auch in allen anderen Städten des Landes gewesen. Bis zu jenem unglückseligen Tag, an dem die Ritter der Angst in das Land eingefallen waren.
Heute weiß niemand mehr, wie sie ihren Weg in dieses glückliche Land gefunden haben. Eines Nachts waren sie plötzlich da.
Sengend und plündernd zogen sie durch die Stadt. Auf dem Marktplatz entzündeten sie ein großes Feuer, und alle Menschen der Stadt wurden auf den Platz getrieben. Die Ritter raubten den alten Stadtschlüssel und verkündeten: "Jedes Jahr werden wir wieder in diese Stadt kommen. Ihr werdet uns gebührend empfangen und mit allem versorgen, was wir benötigen. Vor allem aber habt ihr zehn junge, kräftige Männer mit Waffen, Rüstungen und Pferden bereitzustellen. Sie werden mit uns kommen. Falls ihr diese Forderungen nicht erfüllt, ketten wir den Drachen des Schreckens los und hetzen ihn auf eure Stadt. Sein giftiger Atem und sein Feuer würden die Stadt zerstören!"
Daraufhin verschlossen die Ritter der Angst die Stadttore und zogen weiter. Die Menschen flüchteten in ihre Häuser und hofften, dies alles möge nur eine böser Alptraum sein. Das Leben auf den Strassen und Plätzen erstarb, und nur noch in der Dämmerung schlichen einige graue Gestalten blicklos durch die Strassen. Die Ritter der Angst hatten wirklich ganze Arbeit geleistet: Die Menschen waren ohne Hoffnung und mit der Hoffnung stirbt auch die Liebe und das Vertrauen in sich selbst und andere.
Jedes Jahr kamen die Ritter der Angst wieder in die Stadt und nahmen zehn bewaffnete Männer mit sich. Niemand wusste, wohin diese gebracht wurden. Kein Mensch wagte darüber zu reden.
Eines Jahres trafen sich in einem versteckten Winkel bei der Stadtmauer drei junge Männer.
"Wir werden als Nächste dran sein" flüsterten sie einander zu. "Die Ritter der Angst sind auf dem Weg hierher. Immer mehr Dörfer und Städte belegen sie mit ihrem Fluch. Unsere Väter lassen schon Rüstungen anfertigen und nachts weinen sich unsere Mütter die Augen aus. Am Tag bevor die Ritter der Angst in die Stadt kommen, wollen wir Rüstungen, Waffen und Pferde nehmen und aus der Stadt fliehen."
So wie sie es geplant hatten, geschah es. am Abend, das Heer der Ritter der Angst ließ schon die Erde zittern, der Staub der vielen Pferde verdunkelte den Horizont, stahlen sich die drei Männer aus ihren Elternhäusern. Bei der Stadtmauer trafen sie sich. Durch einen von Büschen und Efeu überwucherten Mauerspalt im hintersten Winkel der Stadt gelangten sie nach draußen. Sie konnten sehen, wie die Ritter der Angst in die Stadt einzogen und hören, wie sie tobend durch die Strassen preschten. Am nächsten Morgen verließen die Ritter die Stadt. Zehn junge Männer ritten mit hängenden Köpfen hinter ihnen her.
"Wir wollen ihnen heimlich folgen", beschlossen die drei Männer in ihrem Versteck, "vielleicht gehen sie zum Drachen des Schreckens. Wenn wir ihn töten, ist das Land wieder frei."
Vorsichtig und mit großen Abstand ritten sie hinter dem Heer durch das Land. Immer wieder mussten sie mit ansehen, wie die Ritter der Angst nachts in eine Stadt eindrangen und mit weiteren gerüsteten Männern am nächsten Tag davonzogen.
Schließlich führte Sie ihr Weg auf einen gewaltigen Berg zu, der den diesigen Horizont beherrschte. Tagelang änderte sich die Richtung des Heeres um keinen Zoll. Doch eines Abends stellten die Verfolger fest, dass die Ritter der Angst um ein kleines Waldstück offenbar einen großen Bogen geschlagen hatten. Da die Sonne bereits untergegangen war, beschlossen die drei Männer, im Schutze dieses Wäldchens zu übernachten. Als die Nacht das Land und den Himmel in ihre dunkle Hand genommen hatte, sahen sie ganz in ihrer Nähe ein kleines Licht durch die Bäume schimmern. Vorsichtig und leise gingen die drei Männer darauf zu. Verborgen unter dem dichten Dach einiger Erlen, kamen sie zu einer kleinen Hütte, deren Fenster ein wärmendes Licht zeigten. Neugierig gingen sie näher, nicht ohne die Lanzen fest in den Fäusten zu halten. Als sie durch eines der Fenster schauten, sahen sie eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, lesend an einem Tisch sitzen. Die Angst der drei Männer verflog. Sie klopften und das Mädchen empfing sie freundlich. Als sie jedoch mit ihren Rüstungen, den Schwertern, Lanzen und Schilden in das Haus gehen wollten, versperrte sie ihnen den Weg.
"Niemals sah ich in meinem Haus eine Waffe", sprach sie, "und so soll es auch bleiben."
Nach kurzem Zögern legten die drei Männer ihre Rüstungen und Waffen vor dem Haus ab und traten dann ein. Das Mädchen bat sie an den Tisch, reichte ihnen kühles Wasser, salziges Brot und eine heiße Suppe. "Ihr seht traurig und niedergeschlagen aus", sagt sie dann. "Welche Last drückt auf eure Schultern, wer hat euch das Lachen genommen?"
Die Männer erzählten dem Mädchen von ihrer Stadt, den Rittern der Angst und ihrem Vorhaben, den Drachen des Schreckens zu suchen, um ihn zu besiegen. "Vielleicht kann ich euch helfen", erwiderte das Mädchen und musterte die drei Männer aufmerksam. "Aber dazu brauche ich ein wenig Zeit. Morgen früh werden wir weitersehen."
Die drei Männer schliefen in einer kleinen Kammer tief und traumlos. Gestärkt und voller Mut erwachten sie und bestürmten das Mädchen, zu sagen, wie es ihnen helfen wolle.
"Ich will euch einen Tausch vorschlagen", erwiderte sie lächelnd, "den Drachen des Schreckens kenne ich gut. Ich weiß, wie ihr ihn überwinden könnt." aufgeregt waren die drei Männer aufgesprungen: "gutes Mädchen, schnell, sagt uns, wie wir das anstellen können!"
"Es sind zwei Dinge, die ihr erfüllen müsst", bekamen sie Auskunft. "Ich werde euch dieses Kästchen mitgeben. Wenn ihr mutlos und ohne Hoffnug seid, dann öffnet es. Vorher nicht. Ich kann euch dieses Kästchen jedoch nur geben, wenn ich mir dafür eure Lanzen hier laßt. Die zweite Bedingung ist: ihr müsst zu meiner älteren Schwester reiten, die drei Tagesritte von hier am See der warmen Quellen wohnt."
Die drei Männer waren nicht sehr begeistert. Wie sollten sie ohne ihre langen Lanzen den Drachen des Schreckens besiegen können, und wie sollten sie ihn finden, wenn sie der spur des Heeres nicht weiter folgten? Unentschlossen sahen sie sich an. Schließlich sagte das Mädchen: "Meine Schwester kennt den Drachen des Schreckens auch. Ihr werdet dort wertvolle Hilfe erhalten." Als die Männer das hörten, beschlossen sie, den Worten zu vertrauen und gaben ihre Lanzen her. Kaum berührte sie das Mädchen, schmolzen die scharfen Spitzen und tropften auf die Erde. Die Schäfte zersplitterten und brachen. Verwundert schauten die Männer zu. Sie wagten jedoch nicht, irgendwelche Fragen zu stellen. Das Mädchen gab den Männern ein kunstvoll verziertes Kästchen, beschrieb ihnen nochmals den Weg, umarmte jeden von ihnen und winkte ihnen lange nach.
Drei Tage ritten die Männer und entfernten sich dabei mehr und mehr vom Heer der Ritter der Angst. am Abend des dritten Tages erreichten sie endlich, müde und erschöpft einen See, dessen Wasser wunderbar warm war. Ohne Schwierigkeiten fanden sie das Haus, welches ihnen beschrieben worden war. Auf einer Bank davor sahen sie eine junge Frau sitzen, die ein Lied summte und sich die Haare bürstete. Als sie die Männer sah, erhob sie sich und ging ihnen entgegen.
"Willkommen Fremde!" rief sie ihnen zu. "Nehmt den Pferden die Decken ab und lasst sie trinken. Und ihr selbst erfrischt euch im See."
Nur zu gerne gehorchten die Männer der jungen Frau. Nach dem Bad fühlten sie sich so kräftig wie noch niemals zuvor in ihrem Leben. Voller Tatendrang wollten sie ihre Rüstungen wieder anlegen. Die junge Frau jedoch kam lachend aus dem Haus. "Wenn ihr etwas zu essen haben wollt, müsst ihr eure Rüstungen schon hier liegen lassen und auch die Waffen lasst bitte vor der Tür. Solange ich hier wohne, soll kein Kriegswerkzeug in den Räumen lärmen."
Die drei Männer waren zwar ein wenig missmutig, aber sie hatten auch Hunger. Ohne Rüstungen und Waffen traten Sie in das Haus und setzten sich an den Tisch.
"Ihr wurdet von meiner Schwester geschickt, nicht wahr?"
"Woher weißt du das?" die drei waren erstaunt, denn sie hatten noch nicht gesagt, woher sie kamen.
"Ich habe ihr Kästchen am Sattel eines eurer Pferde gesehen", erwiderte die Frau. "Was wollt ihr von mir?" Die Männer berichteten wieder von ihrer Stadt, den Rittern der angst und ihrem Plan, den Drachen des Schreckens zu töten. Die junge Frau hörte aufmerksam zu. Schließlich meinte sie: "Ich kenne den Drachen gut. Früher habe ich mit ihm gespielt und wir waren gute Freunde. Aber seit er von den Rittern der Angst gefangen worden ist, habe ich ihn nicht mehr gesehen."
Die drei Männer zuckten zusammen. Diese Frau wollte mit dem Drachen des Schreckens gespielt haben? Sie sehnten sich nach ihren Schwertern. Die Nähe des geschmiedeten Eisens, die kühle Härte des Schwertgriffs wäre eine Beruhigung gewesen. Aber die Frau lachte sie an und damit alle ihre Ängste weg. "Ich werde euch helfen. Doch ich brauche Zeit, um meine Vorbereitungen zu treffen. Legt euch hin, ruht euch aus bis morgen früh. Dann werden wir weitersehen."
Daraufhin verließ sie das Haus und ging am Ufer des Sees entlang. Die drei Männer schliefen bis in den frühen Mittag. Als sie erwachten, wurden sie von der Frau wieder in den See geschickt, und wie am vergangenen Abend fühlten sie die erfrischende Kraft des warmem Wassers. Als sie zum Haus zurückkamen, sagte die junge Frau: "Ich kann euch weiterhelfen, aber es gibt zwei Dinge, die ihr erfüllen müsst. Meine Schwester wohnt drei Tagesritte von hier am Rande einer großen Schlucht. Ihr müsst sie besuchen, denn dort werdet ihr wichtige Ratschläge bekommen. Als zweites müsst ihr eure Rüstungen hier lassen. Dafür gebe ich euch ein Kästchen mit. Wenn ihr nicht mehr ein noch aus wisst und sich eure Gedanken vor Angst überschlagen, dann öffnet es. Esst von den Blättern, die darin liegen und ihr werdet hören, wie euer Herz zu euch spricht."
Wieder zögerten die Männer lange und besprachen sich ausführlich. Schließlich meinte einer von ihnen: "Vielleicht sind unsere Rüstungen beim Kampf gegen den Drachen nur hinderlich. Ohne sie sind wir viel schneller und wendiger. Ich glaube, die Frau weiß schon, was sie uns rät. Schließlich kennt sie den Drachen recht gut."
die Männer gaben der jungen Frau die Rüstungen und diese warf sie in den See. Danach reichte sie ihnen das kleine Kästchen, beschrieb ihnen nochmals den Weg und die drei Männer ritten los. Ohne das gewicht ihrer schweren Rüstungen kamen sie schnell voran. Trotzdem brauchten sie drei Tage, bis sie an den Rand der gewaltigen Schlucht kamen, wo das Haus der ältesten Schwester stehen sollte. Der Weg wurde immer enger und gefährlicher. Wie ein dünner Spinnfaden wand er sich am Rand der Schlucht entlang. Die Männer mussten von ihren Pferden absteigen und sie vorsichtig hinter sich am Halfter führen. Steil stürzte der Abgrund neben dem schmalen Pfad in die Tiefe und wenn die Pferde Steine lostraten, dauerte es lange, bis aus der dunklen Tiefe der Aufprall zu hören war.
"Hoffentlich hat diese Schwester nicht nochmals eine Schwester", murmelte einer der Männer und blickte vorsichtig in die Schlucht hinunter. am Abend sahen sie endlich ein kleines Haus. Es schmiegte sich an den Berg und die drei schüttelten verwundert die Köpfe: "Wie kann man nur hier ein Haus bauen? Ein Steinschlag genügt und das ganze Haus wird in die Tiefe gerissen." Auf einem kleinen in den Felsen geschlagenen Platz konnten sie ihre Pferde anbinden. Als die vorsichtig an die Holztür klopften, hörten sie eine Frauenstimme: "Wer immer es ist, er möge hereinkommen, wenn er Frieden in seinem Herzen trägt." Die Männer sahen sich betreten an. Dann legten sie ihre Schilde und Schwerter ab und öffneten die Tür. In der Mitte des Raumes saß eine alte Frau in einem bequemen Sessel und lächelte sie an.
"Seid mir willkommen, Fremde. Was führt euch zu mir?"
Die drei Männer berichteten der Frau, wie deren Schwestern zuvor.
"Ja", sagte die alte Frau, "ich glaube, ich kann Euch helfen, doch zuvor ruht euch aus. Morgen früh werden wir weitersehen."
Es geschah, wie die alte Frau es wünschte. Nach dem Essen bereiteten sich die Männer ihr Lager in einem Zimmer des Hauses. Obwohl unter ihnen die Schlucht in dunkle Tiefen stürzte, schliefen sie gut und erwachten am Morgen voller Mut. Die alte Frau wartete schon auf sie.
"Wenn ihr heute weiterzieht, folgt der Schlucht. Der Weg ist nicht leicht zu gehen. Achtet auf jeden Schritt, sonst stürzt ihr in die Tiefe. Danach werdet ihr wieder den großen Berg sehen. Dort wird der Drache von den Rittern der Angst gefangen gehalten. Ich werde euch dieses Kästchen mitgeben. Es wird euch helfen, den Drachen zu überwinden."
Die Männer bedankten sich. Das Kästchen wog schwer in ihren Händen. Dann traten sie vor die Hütte und suchten nach den Schwertern. Doch sie fanden nur noch ihre Schilde.
"Wo sind unsere Schwerter?" riefen die drei entsetzt, "ohne sie sind wir völlig hilflos!"
Die alte Frau trat zu ihnen: "Ich habe sie genommen, denn sonst hätte ich euch diese Kästchen nicht geben können. Glaubt mir, eure Schwerter hätten nichts genutzt gegen den Drachen. Wenn ihr ihm aber gegenübersteht und nicht mehr weiter wisst, dann öffnet dieses Kästchen."
Niedergeschlagen standen die drei Männer vor der Frau. Endlich hob einer den Kopf und sah sie an: "Wer seid Ihr, alte Frau? Und wer sind Eure Schwestern?" "Habt ihr sie nicht danach gefragt? Das wundert mich. Die Ritter der Angst müssen schon sehr mächtig geworden sein, wenn ihr nicht einmal mehr wagt, fremde Menschen nach dem Namen zu fragen." Die alte Frau schüttelte besorgt den Kopf. "So wisst also, meine jüngste Schwester ist die Fee der Hoffnung. Sie ist noch fast ein Kind. Aber ihre Kraft wächst von Tag zu Tag. Ihre ältere Schwester ist die Fee der Liebe. Manchmal ist sie sehr enttäuscht und sieht fast keinen Weg mehr. aber sie gibt nicht auf und sie hat recht, denn zu verlieren hat sie nichts. Sie kann nur siegen. Und ich, die ich meine beiden Schwestern behütet und umsorgt habe, während sie größer wurden, ich bin die Fee des Vertrauens. Manche meinen, meine Kraft sei schon erloschen, weil ich so alt bin, aber glaubt mir, meine Kraft wird niemals schwinden. Sie ist so beständig wie die Welt. Deshalb geht jetzt und lasst euch nicht beirren. Denkt an unsere Worte und euch wird nichts geschehen."
Die drei Männer gehorchten der alten Frau und alles war, wie sie es ihnen gesagt hatte. Der Weg durch die Schlucht war gefährlich. Manchmal wollten sie nicht weitergehen, aus Angst in die Tiefe zu stürzen. Aber in ihren Herzen trugen sie die Erinnerung an die drei Schwestern; das gab ihnen Kraft, Mut und Zuversicht. Sie überwanden die Schlucht und sahen nun den hohen Berg vor sich. Drei Tage ritten sie darauf zu. Als sie den Fuß des Berges erreicht hatten, konnten sie den Gipfel nicht mehr erkennen. Er schwebte irgendwo weit über ihnen in dunklen, bedrohlichen Wolken. Ratlos suchten die drei Männer nach einem Weg zwischen den großen Felsen und dem losen Geröll. Aber nirgendwo fanden sie einen Hinweis auf einen gangbaren Pfad. Verzweifelt sahen sie sich an: "Was sollen wir jetzt tun? Es gibt keinen Weg hinauf zum Gipfel. Wir werden uns verirren oder abstürzen!" meinte einer von ihnen mutlos. "Lasst uns das erste Kästchen öffnen", sagte darauf der zweite. die Männer öffneten das Kästchen, welches ihnen die Fee der Hoffnung mitgegeben hatte. Als sie den Deckel zurückklappten, schwebte daraus ein blaues Licht, das mit strahlendem Glanz leuchtete. Es schien ein wenig zu warten, dann entfernte es sich langsam. "Das Licht zeigt uns einen Weg. Schnell, wir wollen ihm folgen." Weil aber das dritte Kästchen so schwer war, mussten es zwei Männer tragen und der dritte brauchte beide Hände, um das andere Kästchen mit sich zu nehmen. So kam es, dass sie am Fuße des Berges auch noch ihre Schilde zurücklassen mussten. Ohne Waffen und ohne Schutz folgten die Männer dem blauen Licht den Berg hinauf. Bald wurden auch sie von den dunklen Wolken eingehüllt. Die Luft war dick und es roch nach Moder, Tod und Verwesung. Schließlich stand das Licht still. Als die Männer näher kamen, sahen sie, dass sie den Gipfel des Berges erreicht hatten. Das Licht schwebte höher und erleuchtete einen weiten Platz.
Und dort lag der Drache des Schreckens. Sein gewaltiger, schuppenbesetzter Kopf lag auf den Vorderpranken, die mit fürchterlichen Krallen bewehrt waren. Die mächtigen Schwingen hatte es zusammengefaltet, die Augen geschlossen. Er schlief. Vor dem Drachen, auf dem felsigen Platz, sahen die drei Männer Spuren wilder Kämpfe. Schwerter und Schilde, Rüstungen und Lanzen, Gerippe und Knochen lagen verstreut.
"Ich habe Angst", flüsterte einer der Männer - und das blaue Licht leuchtete ein wenig stärker.
"Ich auch", sagte der zweite, und wieder schien das Licht zu wachsen. "Mir geht es genauso". Die Stimme des dritten Mannes war völlig tonlos - und jetzt strahlte das blaue Licht heller als die Mittagssonne. Der Drache blinzelte und bewegte sich unruhig. Wahrscheinlich hatte diesen düsteren Ort sogar die Sonne gemieden. Die grauen, gelben und schwarzen Wolken, die den Gipfel umhüllten, waren auch zu dicht und dick. Jetzt hob der Drache den Kopf.
Die drei Männer wichen zurück.
"Er öffnet die Augen" stieß einer atemlos zwischen blutleeren Lippen hervor. Der Drache blickte sie an, sah ihnen direkt in die Augen. Sein Blick war traurig und voller Sehnsucht. Er schüttelte das mächtige Haupt, als wolle er den Schlaf vertreiben oder eine böse Erinnerung. Er erhob sich und die drei Männer sahen, dass er auf einer unzähligen Menge von Schlüsseln gelegen hatte.
"Die Stadtschlüssel" murmelte einer der Männer. "Hier sind die Stadtschlüssel versteckt. Wir müssen sie zurückbringen!"
Und dann entdeckten die drei Männer die Ketten, welche den Drachen hier auf dem Berggipfel festhielten. Dicke, starke Eisenketten, mit schweren Schlössern versehen, lagen ihm um Hals und Beine. Der Drache konnte sich zwar bewegen, fliegen jedoch konnte er nicht. Er begann seine mächtigen Schwingen zu entfalten. Hilflos schlug er damit durch die Luft. Es rauschte wie bei einem Herbststurm im dichten Wald. Fauchend und drohend öffnete er sein Maul und bewegte sich ein wenig auf die drei Männer zu. Sie konnten den heißen Atem auf ihrem Gesicht spüren und wichen soweit zurück, wie es nur ging.
"Schnell" rief einer der Männer, "wir öffnen das zweite Kästchen". Hastig entnahmen sie dem zweiten Kästchen die Blätter, die ihnen die Fee der Liebe mitgegeben hatte und aßen sie. Zunächst schien sich nichts verändert zu haben. Unbezwingbar und gewaltig stand der Drache auf dem Platz. Die Ketten an seinen Beinen warmem zum Zerreißen gespannt und zitterten. Als die Männer schon glaubten, die Fee der Liebe hätte sie beschwindelt und ihre Macht sei eben doch zu schwach, hörten sie plötzlich eine sanfte Stimme: "Fremde hört mich an. Bitte hört doch. Ich will euch nichts tun. Hört ihr mich denn nicht?" Verwundert blickten sich die drei Männer um. Es war niemand da, die seltsame Stimme klang auch nicht in ihren Ohren. Sie schien direkt in ihrem Herzen zu sprechen.
"Hier!" sprach die sanfte Stimme weiter, "ich bin es, der zu euch spricht. Könnt ihr mich wirklich hören? Könnt ihr mich verstehen?" "Es ist der Drache!" Die Männer überlief ein Schauer, so als ob sie einen bösen Traum verscheuchen wollten, schüttelten sie sich. "Der Drache des Schreckens spricht zu uns".
"Ich bin kein Drache des Schreckens." Wieder hörten sie die Stimme in ihren Herzen und jetzt sahen sie auch, wie sich die lange, gegabelte Zunge des Drachen bewegte. "Ich bin ein Drache der Lüfte, ein Drache der Freude und des Spiels. Die Ritter der Angst nahmen mich gefangen und ketteten mich hier fest. Sie fürchten sich vor mir, denn wenn ich frei bin, wenn mich keine Ketten behindern, verlieren sie ihre Macht. Ich kann sie aus dem Land vertreiben. Da sie selbst nicht stark genug sind, mich zu vernichten, bringen sie jedes Jahr eine Unzahl junger Männer, die mit mir kämpfen müssen. Ihr seid die ersten, die nicht von den Rittern der Angst hierher gebracht wurden. Ihr seid die ersten, die ohne Waffen kommen. Und ihr seid die ersten, die mich verstehen können, zu denen ich sprechen kann. Bitte bindet mich los und lasst mich wieder fliegen. Ein Drache der Freude verkümmert, wenn er angekettet ist." Unsicher standen die drei Männer dem Drachen gegenüber. Die Blätter der Fee der Liebe hatten zwar ihre Herzen geöffnet, aber sie zögerten noch und wussten nicht, ob sie den Worten des Drachens glauben konnten.
Schließlich erinnerten sie sich an das dritte Kästchen. Als sie es öffneten, sahen sie darin ihre drei Schwerter. Aber die scharfen Klingen waren umgeschmiedet. Aus jedem Schwert hatte die Fee des Vertrauens einen Schlüssel geformt. Da verstanden die drei Männer: Sie nahmen die Schlüssel, die früher einmal ihre Schwerter gewesen waren, und traten zu dem Drachen. Dieser zerrte vor Aufregung und Freude an den dicken Ketten, als jeder der Männer eines der großen Schlösser öffnete.
Dan entfaltete er seine gewaltigen Schwingen und liess sie einige Male, so als müsse er erst wieder ihre Kraft prüfen, die Luft zerteilen. Mit den gelenkigen Vorderpranken nahm er vorsichtig alle Stadtschlüssel an sich: "Ich werde sie zurückbringen" hörten die Männer wieder die Stimme in ihren Herzen. "Habt Dank für eure Liebe und euer Vertrauen. Niemals wieder werden die Ritter der Angst dieses Land heimsuchen."
Dann schwang er sich mit einem mächtigen Flügelschlag vom Gipfel des Berges empor und mit jedem Schwung seiner Flügel wischte er die dichten Wolken ein wenig mehr zur Seite.
Das blaue Licht der Hoffnung erlosch langsam und an seiner Stelle brach die Sonne eines neuen Tages durch den letzten Rest der düsteren Wolkenschleier.

Der kleine Prinz trifft ein nettes Schwein


Der kleine Prinz trifft ein nettes Schwein

Viel hatte der kleine Prinz gelernt, in den Tagen seit er dem Fuchs begegnet war. Und so zog er vergnügt und sorglos weiter, die Welt kennen zulernen.
An einem sonnigen Herbstnachmittag traf er in der Nähe eines Dorfes ein Schwein, welches gerade von einem Spaziergang zurückkam. Das Schwein sagte freundlich:
"Hallo kleiner Mensch, laß uns ein Stück des Weges zusammengehen". Gern willigte der kleine Prinz ein, er war schon seit Tagen allein gewandert und recht froh wieder mit jemanden sprechen zu können. Und er freute sich auch, daß es so ein fröhliches Schwein war, das er getroffen hatte. Zwar hatte er schon einiges von Schweinen gehört, hatte auf seiner Reise auch schon einige am Wegrand gesehen, die sich zufrieden im Schlamm suhlten, was er aber nicht verstehen konnte.
Nicht, daß es ihn direkt störte, daß sie sich so schmutzig benahmen, aber einen Grund dafür fand er nicht.
Den ersten Teil der Strecke gingen sie wortlos nebeneinander und nur hin und wieder betrachteten sie sich gegenseitig. Das war auch eine Art jenes gegenseitigen Betastens und Kennenlernens, daß er vom Fuchs so vortrefflich gelernt hatte. Plötzlich fragte das Schwein, so daß der kleine Prinz fast überrascht war :
"Kleiner Mensch, was ist für Dich das Schönste auf der Welt?" Er dachte nicht lange nach und sagte "Ich liebe es zu reisen, die Welt kennenzulernen und Freunde zu haben."
Das Schwein grunzte leicht zustimmend, aber der kleine Prinz spürte, daß dies ist nicht alles war und so fragte er seinerseits:
"Und Du, liebes Schwein, was ist für Dich das Schönste in der Welt?" Das Schwein schaute ihm mit seinen kleinen freundlichen Augen kurz offen in seine Augen und sagte strahlend: "Schwein zu sein, ist natürlich das Schönste" und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: "und diese Freuden mit anderen zu teilen dürfen".
Das erstaunte den kleinen Prinzen "Einfach nur sein, nicht mehr?" "Was willst Du denn mehr als sein, das geht gar nicht" war die Antwort. "Aber es kann doch nicht jeder Schwein sein, ich zum Beispiel bin doch ein Mensch, wie sollte ich da als Schwein glücklich sein?"
"Jeder auf seine Art kann ein Schwein sein, so wie jeder auf seine Art auch Mensch sein kann. Nur das Schweinsein ist eben schöner als das Menschsein."
Das machte den kleinen Prinzen neugierig. "Wie könnte ich denn ein Schwein sein?" fragte er zweifelnd. "Komm nur mit mir, ich zeige es Dir, es ist ganz einfach".
Kurze Zeit später waren sie an einem einfachen Stall aus Brettern angekommen. Neben dem Stall war ein großes Matschloch und es stand da noch eine große Wanne mit frischem Wasser.
"Komm herein" sagte das Schwein und zögernd trat der kleine Prinz gebückt in den Stall. Es war schummrig und roch herb und doch sah es in der einen Ecke in der viel Stroh lag ganz gemütlich aus. Der kleine Prinz konnte verstehen, daß sich das Schwein hier wohl fühlte.
"Lege Deine Menschensachen ab, wir wollen rausgehen und uns ein wenig suhlen."
Da erschrak der kleine Prinz, so hatte er sich das nicht vorgestellt. Nicht nur, weil er sich genierte sich nackt auszuziehen, es war auch die Vorstellung, jemand könnte vorbeikommen und sehen, wie er als Mensch gemeinsam mit einem Schwein im Matsch suhlte.
Das wäre peinlich, davor hatte er Angst. Aber das wollte er dem Schwein gegenüber nicht zugeben, also sagte er: "Ich glaube nicht, daß ich mir Dir im Matsch suhlen kann".
Das Schwein war natürlich weise und wußte längst was der kleine Prinz dachte und hatte schon mit einer Ausrede gerechnet.
"Hast Du es je versucht?" entgegnete das Schwein mit fragendem Blick. "Nein" mußte der kleine Prinz kleinlaut zugeben.
"Dann sprichst Du also von Dingen, von denen Du nichts weißt, hast Angst vor Gefühlen, die Du noch nie gespürt hast. Das tun viele Menschen, es ist eine Eigenart von ihnen, zu reden und nichts zu wissen und vor lauter Angst das Schönste nicht zu tun."
Halb enttäuscht, halb auffordernd sah das Schwein den immer kleiner werdenden Prinz an.
"Ich hatte gehofft, Du seist anders, als die Menschen, die ich bisher getroffen habe".
Das traf den kleinen Prinzen, er wollte das freundliche Schwein nicht enttäuschen und er wollte es eigentlich auch ganz gern einmal versuchen, wenn nur diese Angst nicht wäre. Hilfesuchend sah er das Schwein an, dessen ganzes Wesen jetzt Sicherheit, Gewißheit, Vertrauen und Schutz ausstrahlte.
Plötzlich erhellte sich das Gesicht des kleinen Prinzen und strahlte befreiend und auch das Schwein strahlte schon, als er "Ich tue es" rief. Schnell legte er seine Sachen beiseite und zog sich aus, es war ganz natürlich und jede Peinlichkeit war wie weggeweht und er mußte sogar laut lachen. Es wurde ihm bewußt, daß das Schwein ja auch nackt war, nur an ihm fiel es niemand auf, vermißte niemand die Kleider.
Das Schwein war ganz Schwein, ganz offen und frei nach außen. Das gab es wohl nur bei den Menschen, daß sie etwas von sich verbergen oder verstecken wollten, nach außen nie als Ganzes auftraten, sondern immer nur als Teil. Beim Schwein war das Wesen und der Körper immer eins. Beim Menschen aber gespalten, das Wesen war nach außen gewendet, der Körper aber immer nur nach innen offen, nach außen verhüllt.
Kaum hatte er einen Fuß in den Matsch gesteckt, zögerte er doch wieder. War er zu mutig gewesen? Wo war jetzt sein Mut?
Der Matsch war von der Sonne erwärmt und angenehm weich und anschmiegsam. Plötzlich spürte der kleine Prinz von hinten einen weichen Rüssel, der ihn sanft schubste. Da ließ er sich ganz fallen, ließ alle Ängste los und plumpste der Länge nach in den weichen Morast.
War das schön! War das weich! Wirklich, er hatte ja gar nichts gewußt, gar nichts vom Suhlen und Schweinsein. Quiekend sprang nun das Schwein hinterher und sie suhlten sich gemeinsam, ahlten sich im Dreck und bewarfen sich übermütig mit Schlamm. Alle Sorgen die soeben noch schwer und bedrückend waren flogen davon, es war nur noch weich und warm und schön.
Wäre jetzt ein Mensch vorbeigekommen, hätte sich der kleine Prinz nicht mehr schämen müssen, er hätte gestrahlt und gedacht "Der Arme, warum hat er es nicht auch so schön wie ich?" Nach einer Weile fragte das Schwein: "Verstehst Du jetzt, was es bedeutet ein Schwein zu sein?" "Ja" strahlte der kleine Prinz, "jetzt versteh ich es und ich bin froh darüber. Aber was soll nun werden? Ich kann doch nicht immer ein Schwein bleiben?"
"Nein, das sollst Du auch nicht, Du bist Mensch, ich bin Schwein und das ist gut so. Aber jetzt weißt Du, daß Du schöne Dinge auch mit einem Schwein erleben kannst. Nun komm!". Das Schwein ging mit dem Prinzen zur Wasserwanne, sie sprangen hinein und bespritzten sich solange mit dem angenehm kühlen und frischen Wasser, bis sie wieder ganz sauber waren.
Der kleine Prinz zog sich wieder an und war wunderbar erfrischt. Beglückt machte er sich wieder auf den Weg. "Auf Wiedersehen!" sagte der kleine Prinz, "bis bald!" sagte das Schwein, "Dies ist mein Geheimnis, es ist so einfach, sei Du selbst. Tue was immer Du selbst wirklich tun willst. Lege alle Zweifel und Ängste ab, wenn Dein Herz ja sagt."

Verfasser mir unbekannt.......

Parabel von der kleinen Seele und der Sonne


Parabel von der kleinen Seele und der Sonne

...jeder gegebene Umstand ist ein Geschenk, und in jeder Erfahrung liegt ein Schatz verborgen.

Es war einmal eine Seele, die sich als das Licht erkannte. Es war eine sehr neue Seele und deshalb auf Erfahrung erpicht. „Ich bin das Licht“, sagte sie. „Ich bin das Licht.“ Doch all dieses Wissen und Aussprechen konnte die Erfahrung davon nicht ersetzen. Und in dem Reich, aus dem die Seele auftauchte, gab es nichts außer dem Licht. Jede Seele war großartig, jede Seele war herrlich, und jede Seele erstrahlte im Glanz Gottes ehrfurchtgebietenden Lichts. Und so war diese kleine Seele eine Kerzenflamme in der Sonne. Inmitten des grandiosesten Lichts – von dem sie ein Teil war – konnte sie sich selbst nicht sehen und auch nicht erfahren, wer-und-was-sie-wirklich-ist.

Nun geschah es, dass diese Seele sich danach sehnte und verzehrte, sich selbst kennenzulernen. Und so groß war ihr Verlangen, dass Gott eines Tages zu ihr sagte: „Weißt du, Kleines, was du tun musst, um dein Verlangen zu befriedigen?“ „Oh, was denn, Gott? Was? Ich werde alles tun!“ sagte die kleine Seele.
„Du musst dich vom Rest von uns trennen“, gab Gott zur Antwort, „und dann musst du für dich die Finsternis herbeibeschwören.“
„Was ist Finsternis, o Heiligkeit?“ fragte die kleine Seele.
„Das, was du nicht bist“, erwiderte Gott, und die Seele verstand.

Und so entfernte sie sich von Allem und machte sich sogar in ein anderes Reich auf.
Und in diesem Reich hatte die Seele die Macht, sämtliche möglichen Formen von Finsternis in ihre Erfahrung zu rufen.
Und das tat sie auch.
Doch inmitten all der Finsternis rief sie aus:“ Gott, warum hast du mich verlassen?“
So wie das alle in den dunkelsten Zeiten getan haben. Doch, Gott antwortete: „Ich habe euch nie verlassen, sondern euch immer zur Seite gestanden, bereit euch daran zu erinnern,
wer-ihr-wirklich-seid; bereit, immer bereit, euch nach Hause zu rufen.

Seid deshalb der Finsternis ein Licht und verflucht sie nicht. Und vergesst nicht, wer-ihr-seid in dem Moment, in dem ihr von dem umschlossen seid, was ihr nicht seid.


Ein Auszug aus:
Walsch, Neale D.: Ich bin das Licht! Die kleine Seele spricht mit Gott. Eine Parabel für Kinder nach dem Buch 'Gespräche mit Gott'.
Maurer, Hans-Jürgen Riccio,
Verlag: Nietsch Hans Verlag, 10/1999
ISBN: 3-929475-89-8 32 Seiten, mit zahlreichen bunten Bildern.

Sehr Empfehlenswert!

Die kleinen Leite von Swabedoo

Die kleinen Leute von Swabedoo - eine wirklich lesenswerte Geschichte



Die kleinen Leute von Swabedoo

Vor langer, langer Zeit lebten kleine Leute auf der Erde. Die meisten von ihnen wohnten im Dorf Swabedoo, und sie nannten sich die Swabedoodahs. Sie waren sehr glücklich und liefen herum mit einem lächeln bis hinter die Ohren und grüßten jedermann. Was die Swabedoodahs am meisten liebten, war, einander warme, weiche Pelzchen zu schenken. Ein jeder von ihnen trug über seiner Schulter einen Beutel und der Beutel war angefüllt mit weichen Pelzchen. So oft sich Swabedoodahs trafen, gab der eine dem anderen ein Pelzchen. Es ist sehr schön, einem anderen ein warmes Pelzchen zu schenken. Es sagt dem anderen, daß er etwas besonderes ist, es ist eine Art zu sagen "Ich mag Dich!" Und ebenso schön ist es, von einem anderen ein solches Pelzchen zu bekommen. Du spürst, wie warm und flaumig es an deinem Gesicht ist, und es ist ein wundervolles Gefühl, wenn du es sanft und leicht zu den anderen in deinen Beutel legst. Du fühlst dich anerkannt und geliebt, wenn jemand dir ein Pelzchen schenkt, und du möchtest auch gleich etwas Gutes, Schönes tun. Die kleinen Leute von Swabedoo gaben und bekamen gern weiche, warme Pelzchen, und ihr gemeinsames Leben war ohne Zweifel sehr glücklich und fröhlich.
Außerhalb des Dorfes, in einer kalten, dunklen Höhle, wohnte ein großer, grüner Kobold. Eigentlich wollte er gar nicht alleine dort draußen wohnen, und manchmal war er sehr einsam. Er hatte schon einige Male am Rande des Dorfes gestanden und sich gewünscht, er könnte dort mitten unter den fröhlichen Swabedoodahs sein - aber er hatte nichts, was er hätte dazutun können - und das Austauschen von warmen, weichen Pelzchen hielt er für einen großen Unsinn. Traf er einmal am Waldrand einen der kleinen Leute, dann knurrte er nur Unverständliches und lief schnell wieder zurück in seine feuchte, dunkle Höhle.
An einem Abend, als der große, grüne Kobold wieder einmal am Waldrand stand, begegnete ihm ein freundlicher kleiner Swabedoodah. "Ist heute nicht ein schöner Tag?" fragte der Kleine lächelnd. Der grüne Kobold zog nur ein grämliches Gesicht und gab keine Antwort. "Hier nimm, ein warmes, weiches Pelzchen", sagte der kleine, "hier ist ein besonders schönes. Sicher ist es für Dich bestimmt, sonst hätte ich es lange verschenkt." Aber der Kobold nahm das Pelzchen nicht. Er sah sich erst nach allen Seiten um. Um sich zu vergewissern, daß auch keiner ihm zusah oder zuhörte, dann beugte er sich zu dem Kleinen hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: "Du, hör mal, sei nur nicht so großzügig mit Deinen Pelzchen. Weißt Du denn nicht, daß Du eines Tages kein einziges Pelzchen mehr besitzt, wenn Du sie immer so einfach an jeden, der Dir über den Weg läuft, verschenkst?" Erstaunt und ein wenig hilflos blickte der kleine Swabedoodah zu dem Kobold hoch. Der hatte in der Zwischenzeit den Beutel von der Schulter des Kleinen genommen und ihn geöffnet. Es klang richtig befriedigend, als er sagt:"Hab ich es nicht gesagt! Kaum mehr als 217 Pelzchen hast Du noch in Deinem Beutel. Also wenn ich Du wäre: ich würde vorsichtig mit dem verschenken sein!" Damit tappte der Kobold auf seinen großen, grünen Füßen davon und ließ einen verwirrten und unglücklichen Swabedoodah am Waldrand zurück. Er war so verwirrt, so unglücklich, daß er gar nicht darüber nachdachte, daß das, was der Kobold da erzählte, überhaupt nicht sein konnte. Denn jeder Swabedoodah besaß einen unerschöpflichen Vorrat an Pelzchen. Schenkte er einem anderen ein Pelzchen, so bekam er sofort von einem anderen ein Pelzchen, und dies geschah immer und immer wieder, ein ganzes Leben lang - wie sollten dabei die Pelzchen ausgehen?
Auch der Kobold wußte das - doch er verließ sich auf die Gutgläubigkeit der kleinen Leute. Und noch auf etwas anderes verließ er sich, etwas, was er an sich selbst entdeckt hatte, und von dem er wissen wollte, ob es auch in den kleinen Swabedoodahs steckte. So belog er den kleinen Swabedoodah ganz bewußt, setzte sich in den Eingang seiner Höhle und wartete.
Vor seinem Haus in Swabedoo saß der kleine, verwirrte Swabedoodah und grübelte vor sich hin. Nicht lange, so kam ein guter Bekannter vorbei, mit dem er schon viele warme, weiche Pelzchen ausgetauscht hatte. "Wie schön ist dieser Tag!" rief der Freund, griff in seinen Beutel und gab dem anderen ein Pelzchen. Doch dieser nahm es nicht freudig entgegen, sondern wehrte mit den Händen ab. "Nein, nein! Behalt es lieber," rief der Kleine, "wer weiß wie schnell sonst Dein Vorrat abnimmt. Eines Tages stehst Du ohne Pelzchen da!" Der Freund verstand ihn nicht, zuckte nur mit den Schultern, packte das Pelzchen in seinen Beutel zurück und ging mit leisem Gruß davon. Aber er nahm verwirrte Gedanken mit, am gleichen Abend konnte man noch dreimal im Dorf hören, wie ein Swabedoodah zum anderen sagte: "Es tut mir leid, aber ich habe kein warmes, weiches Pelzchen für Dich. Ich muß darauf achten, daß sie mir nicht ausgehen."
Am kommenden Tag hatte sich dies alles im ganzen Dorf ausgebreitet. Jedermann begann, seine Pelzchen aufzuheben. Man verschenkte zwar immer noch ab und zu eines, aber man tat es erst, nach langer, gründlicher Überlegung und sehr, sehr vorsichtig. Und dann waren es zumeist nicht die ganz besonders schönen Pelzchen, sondern die mit kleinen Stellen und schon etwas abgenutzten. Die kleinen Swabedoodahs wurden mißtrauisch. Man begann, sich argwöhnisch zu beobachten, man dachte darüber nach, ob der andere wirklich ein Pelzchen wert war. Manche trieben es so weit, daß sie ihre Pelzbeutel nachts unter den Betten versteckten. Streitigkeiten brachen darüber aus, wieviele Pelzchen der oder der andere besaß. Und schließlich begannen die Leute warme, weiche Pelzchen gegen Sachen einzutauschen, anstatt sie einfach zu verschenken. Der Bürgermeister von Swabedoo machte sogar eine Erhebung, wieviele Pelzchen insgesamt vorhanden waren, ließ dann mitteilen, daß die Anzahl begrenzt sei und rief die Pelzchen als Tauschmittel aus. Bald stritten sich die kleine Leite darüber, wieviele Pelzchen eine Übernachtung oder eine Mahlzeit im Hause eines anderen Wert sein müßte. Wirklich, es gab sogar einige Fälle von Pelzchenraub! An dämmrigen Abenden fühlte man sich draußen nicht mehr sicher, an den Abenden, an denen früher Swabedoodahs gern im Park oder auf den Straßen spazieren gegangen waren, um einander zu grüßen, um sich warme, weiche Pelzchen zu schenken.
Oben am Waldrand saß der große, grüne Kobold, beobachtete alles und rieb sich die Hände. Das Schlimmste von allem geschah, ein wenig später. An der Gesundheit der kleinen Leute begann sich etwas zu verändern: Viele beklagten sich über Schmerzen in den Schultern und im Rücken, und mit der Zeit befiel immer mehr Swabedoodahs eine Krankheit, die Rückgraterweichung genannt wird. Die kleinen Leute liefen gebückt und in schweren Fällen bis zum Boden geneigt umher. Die Pelzbeutelchen schleiften auf der Erde. Viele fingen an zu glauben, daß die Ursache ihrer Krankheit das Gewicht der Beutel sei und daß es besser wäre, sie im Haus zu lassen und dort einzuschließen. Es dauerte nicht lange, und man konnte kaum noch einen Swabedoodah mit einem Pelzbeutel auf dem Rücken antreffen.
Der große, grüne Kobold war mit dem Ergebnis seiner Lügen sehr zufrieden. Er hatte herausfinden wollen, ob die kleinen Leute auch so handeln und fühlen würden wie er selbst, wenn er, wie das fast immer der Fall war, selbstsüchtige Gedanken hatte. Sie hatten so gehandelt! Und der Kobold fühlte sich sehr erfolgreich.
Er kam jetzt häufiger einmal in das Dorf der kleinen Leute: Aber niemand grüßte ihn mit einem Lächeln, niemand bot ihm ein Pelzchen an. Statt dessen wurde er mißtrauisch angestarrt, genauso, wie sich die kleinen Leute untereinander anstarrten. Dem Kobold gefiel das gut: Für ihn bedeutete dieses Verhalten, die "wirkliche Welt"!
In Swabedoo ereignete sich mit der Zeit immer schlimmere Dinge. Vielleicht wegen der Rückgraterweichung, vielleicht aber auch deshalb, weil ihnen niemand mehr ein warmes, weiches Pelzchen gab - wer weiß es! - starben einige Leute in Swabedoo. Nun war alles Glück aus dem Dorf verschwunden. Die Trauer war sehr groß.
Als der große, grüne Kobold davon hörte, war er richtig erschrocken. "Das wollte ich nicht" sagte er zu sich selbst, "das wollte ich bestimmt nicht. Ich wollte ihnen doch nur zeigen, wie die Welt wirklich ist. Aber ich habe ihnen doch nicht den Tod gewünscht." Er überlegte, was man nun machen könnte, und es fiel ihm auch etwas ein.
Tief in seiner Höhle hatte der Kobold eine Mine mit kaltem, stacheligen Gestein entdeckt. Er hatte viele Jahre damit verbracht, die stacheligen Steine aus dem Berg zu graben und sie in einer Grube einzulagern: Er liebte dieses Gestein, weil es so schön kalt war und so angenehm prickelte, wenn er es anfaßte. Aber nicht nur das: er liebte dieses Steine auch deshalb, wie sie alle ihm gehörten und immer, wenn er davor saß und sie ansah, war das Bewußtsein, einen großen Reichtum zu besitzen, für den Kobold ein schönes, befriedigendes Gefühl.
Doch jetzt als er das Elend der kleinen Swabedoodahs sah, beschloß er, seinen Steinreichtum mit ihnen zu teilen. ER füllte ungezählte Säckchen mit kalten, stacheligen Steinen, packte die Säckchen auf einen großen Handkarren und zog damit nach Swabedoo.
Wie froh waren die kleinen Leute, als sie die stacheligen. kalten Steine sahen! Sie nahmen sie dankbar an. Nun hatten sie wieder etwas, was sie sich schenken konnten. Nur: wenn sie einem anderen einen kalten, stacheligen Stein gaben, um ihm zu sagen, daß sie ihn mochten, dann war in ihrer Hand und auch in der Hand desjenigen, der den Stein bekam, ein unangenehmes, kaltes Gefühl: Es machte nicht so viel Spaß. Kalte, stachelige Steine zu verschenken wie warme, weiche Pelzchen. Immer hatte man ein eigenartiges Ziehen im Herzen, wenn man einen stacheligen Stein bekam. Man war sich nicht ganz sicher, was der Schenkende damit eigentlich meinte. Der Beschenkte blieb oft verwirrt und mit leicht zerstochenen Fingern zurück.
So geschah es, nach und nach, immer häufiger, daß ein kleiner Swabedoodah unter sein Bett kroch, den Beutel mit den warmen, weichen Pelzchen hervorzog, sie an der Sonne auslüftete, und, wenn einer ihm einen Stein schenkte, ein warmes, weiches Pelzchen dafür zurück gab. Wie leuchteten dann die Augen des Beschenkten! Ja, mancher lief schnell im sein Haus zurück, kramte den Pelzbeutel hervor, um auch an Stelle des stacheligen Steines ein Pelzchen zurückzuschenken. Man warf die Steine nicht fort, o nein Es holten auch nicht alles Swabedoodahs ihre Pelzbeutel wieder hervor. Die grauen, stacheligen Steingedanken hatte sich zu fest in den Köpfen der kleinen Leute eingenistet. Man konnte es aus den Bemerkungen heraushören:
Weiche Pelzchen? Was steckt wohl dahinter?
Wie kann ich wissen, ob meine Pelzchen wirklich erwünscht sind?
Ich gab ein warmes, weiches Pelzchen, und was bekam ich dafür? Einen kalten, stachligen Stein! Das soll mir nicht noch einmal passieren.
Man weiß nie, woran man ist: heute Pelzchen, morgen Steine.
Wahrscheinlich wären wohl alle kleinen Leute von Swabedoo gern zurück gekehrt zu dem, was bei ihren Großeltern noch ganz natürlich war. Mancher sah auf die Säckchen in einer Ecke des Zimmers, angefüllt mit kalten, stacheligen Steinen, auf diese Säckchen, die ganz eckig waren und so schwer, daß man sie nicht mitnehmen konnte. Häufig hatte man nicht einmal einen Stein zum verschenken bei sich, wenn man einem Freund begegnete. Dann wünschte der kleine Swabedoodah sich im geheimen und ohne es je laut zusagen, daß jemand kommen möge, um ihm warme weiche Pelzchen zu schenken. In seinen Träumen stellte er sich vor, wie sie alle auf der Straße mit einem fröhlichen, lachenden Gesicht herumgingen und sich untereinander Pelzchen schenkten, wie in alten tagen. Wenn er dann aufwachte, hielt ihn aber immer etwas davon zurück, es auch wirklich zu tun. Gewöhnlich war es das, daß er hinausging und sah, wie die Welt "wirklich ist"!
Das ist der Grund, warum das verschenken von warmen, weichen Pelzchen nur noch sehr selten geschieht, und niemand tut es in aller Öffentlichkeit. Man tut es im geheimen und ohne darüber zu sprechen: Aber es geschieht! - Hier und dort, immer wieder.
Ob Du vielleicht auch eines Tages......?

Verfasser unbekannt